CHOROI 50 Jahre! – ein Fest der Begegnung

CHOROI 50 Jahre! – ein Fest der Begegnung am 17. Und 18. Oktober 2014 in Scorlewald - Nordholland

Das fanden die meisten Teilnehmer/innen unglaublich: Schon 50 Jahre gibt es Choroi! Da war es schön, die ausgestellten Instrumente zu bestaunen: Prototypen und Unikate, viele davon aus den Anfängen der Produktion, waren im Foyer des Saales in Scorlewald aufgebaut (siehe Fotos), Neuentwicklungen und Bewährtes war im Saal selbst zu sehen – und zu benutzen!

Das Jubiläumstreffen war gegliedert in

-          ein internes „Symposium“ am Freitag, das sich an die Bauratstagung anschloss und wo es in Beiträgen aus den Bereichen Musik(-pädagogik/-therapie), Instrumentenbau und Wirtschaft sowie in Arbeitsgruppen (dieselbe Aufteilung) um den Stand der Dinge sowie weitere Aufgaben ging,

-          und einen „Festtag“ am Samstag mit vielen Gästen, mit Vorträgen und verschiedensten musikalischen Beiträgen.

Wenn ich im Folgenden aus meiner Sicht von dem Fest berichte, so möge man bedenken, dass ich als Beteiligter bei den musikalischen Beiträgen manches aus aktiver Sicht schildere und die Vorträge am Samstag nicht gehört habe – wir mussten uns schließlich irgendwann einspielen … bei dieser Gelegenheit: Es wäre schön, wenn auch andere Teilnehmer/innen ihre Eindrücke im Leier-Forum schilderten!

Scorlewald war ein angemessener und – auch durch die Bewohner/innen und das schöne Herbstwetter – einnehmender Ort. Als gemeinsamer sprachlicher Nenner wurde das Deutsche gewählt – sicher nicht für alle angenehm, aber praktisch. Immer wieder gab es Gelegenheiten, Musik zu erleben bzw. am gemeinsamen Musizieren teilzunehmen. Pausen für Ausflüge in die schöne Umgebung gab es eigentlich nicht – wer alles mitbekommen wollte, musste Extra-Aktivitäten in die frühen Morgenstunden verlegen oder länger bleiben … Zwischenpausen für „Koffie“ und Ähnliches waren aber reichlich vorhanden, und so gab es viele Wiedersehensfeste und Neubegegnungen im Kleinen; auch die Werkstatt war geöffnet, und in einem Nebenraum liefen Filme, die in den verschiedenen Werkstätten gedreht worden waren und in denen neben den „Managern“ auch die „Werktätigen“ zu Wort und Bild kamen – eine gute Möglichkeit, sich von der Vielfalt der Arbeitssituationen ein Bild zu machen.

Es war aber auch sonst viel zu „erledigen“: schließlich sind 50 Jahre eine lange Zeit, da hat sich CHOROI stark gewandelt, und neben der geschichtlichen Aufarbeitung (darauf wurde nicht sehr ausführlich eingegangen) war die Frage im Raum, wie es weitergehen wird. Ich berichte daher in Frageform:

-          Wie werden die Werkstätten sich weiter entwickeln?
Die Bedingungen in den verschiedenen Ländern sind sehr unterschiedlich, das wurde mir besonders anhand der Filme deutlich. Die Frage hängt eng mit der nächsten zusammen:

-          Wie entwickelt sich die „Palette“ neuer Instrumente? 
Auch hier spielen lokale Umstände eine Rolle, aber auch die sich verändernde Nachfrage. Es werden nur noch wenig große Leiern gebaut, stattdessen wurden vermehrt günstige Kleininstrumente (z.B. Primleier) entwickelt, z.T. sogar mit ausgelagerter Fertigung. Die Produktion der Diskantharfe wurde eingestellt (was ich persönlich besonders schade finde – ich habe aber schon eine und kann die Nachfrage daher nicht weiter steigern…). Wird sich das so fortsetzen und evtl. weiter differenzieren?

-          Wie wird es in Bezug auf eine „Choroi-Ausbildung“ weitergehen? 
Sehr deutlich wurde in diesen Tagen, dass die Anforderungen an die Werkstattleitungen sich extrem gesteigert haben: In den Teilbereichen Sozialtherapie, Management und Entwicklung sind mehr (vor allem auch bürokratische) Qualifikationen nötig als früher. Das müsste in einer Ausbildung zum Tragen kommen … Die Zukunft von CHOROI hängt eben auch davon ab, ob es genügend junge Leute gibt, die sich für diesen Mix an Herausforderungen begeistern und einsetzen möchten/können. Ein Blick in die Runde der Teilnehmer/innen konnte in dieser Hinsicht Mut machen!

-          Wie gestaltet sich die Begegnung bzw. Zusammenarbeit mit Musiker/inne/n weiterhin? 
In dieser Frage liegt mehr als nur ein Entwicklungs- oder gar Marketing-Aspekt (gesicherter Absatz über „Multiplikatoren“). Ein paar Aspekte dazu: Wie lebt die „Idee Choroi“ oder „der Choroi-Gedanke“ bzw. „der Choroi-Impuls“ in den Werkstätten, den Musiker/inne/n, den Institutionen, in denen sie arbeiten und deren Umfeld? Ist den Menschen, die mit Choroi-Instrumenten musizieren, bewusst, dass CHOROI mehr ist, mehr sein kann als ein Logo, eine Marke? …um diese Fragen zu bewegen und wenigstens teilweise zu beantworten, bedarf es nicht nur punktueller Zusammenarbeit, sondern breiten Austausch und auch Auseinandersetzung.

Die musikalischen Darbietungen an beiden Tagen waren abwechslungsreich: Begrüßt wurden wir schon in der Cafeteria von einem Duo Choroi-D-Flöte (Eric Speelman) und Waldhorn (nicht von Choroi ;-), Remko Kraamwinkel). Abends führte ein Ensemble aus Scorlewald mit Eric Speelman eine Komposition Norbert Vissers nach einem Gedicht von Martijnus Nijhoff – „Kinderenkruistocht“-„Kinderkreuzzug“ – auf, mit Sprache, Sologesang, D-Flöte, Geigen und Leierensemble, ein würdiger, beeindruckender Abschluss des ersten Tages. Am Samstag dann morgens sorgte das Ensemble aus den Karl-Schubert-Werkstätten (Christiane Kumpf) mit Leiern und Bordunleiern für einen frischen Anfang. Abends der Abschluss, ein ganzer Reigen von kleinen Konzerten. Zu Beginn das Schweizer Ensemble „La Lira cantante“ – es machte seinem Namen alle Ehre: Noch nie hörte ich eine Leiergruppe so „flüssig“ spielen – ein Genuss! Daniel Fürer aus Beitenwil begeisterte auf dem Flügel mit Bach und Jazz. Gerhard Beilharz und Martin Tobiassen spielten im Duo auf den neu entwickelten Modellen eigene Stücke: „Let’s do the Choroi“ (MT) und „8 wirklich kurze Ereignisse“ (GB), Martin Tobiassen fügte auf der neuen Altleier einige Solostücke an. Christoph Heidsiek ließ die D-Flöte „tanzen“ mit einer Solovariation über ein Thema von van Eyck (Renaissance) und beschloss den Abend mit einer Suite irischer Stücke, begleitet auf der Sopranleier von MT.

Waren diese Darstellungen eine schöne Gelegenheit, Choroi-Instrumente konzertant zu erleben, so waren die drei über die Tage verteilten Improvisationen mit dem jeweiligen Plenum ein Spiel mit nahezu allen Instrumenten, die zur Verfügung standen: die ausgestellten inklusive. So klang das nahezu komplette Choroi-Instrumentarium zusammen; es gab solistische Einlagen, „Dreiergespräche“, Tanzeinlagen, Gesang und vieles mehr, am Samstag mit dem großen Plenum eine ganze „Symphonie“.

Mein Fazit: nicht wieder 10 Jahre warten, sondern öfters mal so feiern! Es muss ja nicht immer das ganz große Treffen sein, aber der Begegnungs- und Feieraspekt ließ meiner Wahrnehmung nach die verschiedenen Bereiche, die CHOROI ausmachen, wirklich und erlebbar zusammenfließen, und darauf käme es an. 

Text von Martin Tobiassen / Witten DE